Briefe
Herausgegeben und mit einem Nachwort von Laureen Nussbaum
1991

270 Seiten, engl. Broschur
€ 15, SFr 23,20
ISBN 3-924652-17-3

Georg Hermann
Unvorhanden und stumm; doch zu Menschen noch reden
Briefe aus dem Exil 1933-1941 an seine Tochter Hilde.
Weltabschied. Ein Essay


Die Briefe, die Georg Hermann aus dem holländischen Exil an seine Tochter Hilde in Kopenhagen schrieb, sind ein einzigartiges Zeugnis vom Leben des einst erfolgreichen und bekannten Autors. Er schildert seinen zunehmend beschwerlicher werdenden Alltag, seine literarischen Projekte, seine Ansichten zu Fragen der Zeit. Sein Essay Weltabschied aus dem Jahr 1935 ist ein erschütterndes Credo, die Bilanz eines Mannes, der noch einmal zusammenfaßt, was er am meisten liebte und am tiefsten verabscheute.

Buchentstehung
Die Herausgeberin der Briefe, Laureen Nussbaum, hatte mir diesen Band vorgeschlagen. Durch die Arbeit daran lernte ich Georg Hermanns Tochter Hilde kennen, an die die Briefe gerichtet sind. Die Besuche bei ihr in Kopenhagen gehören zu meinen schönsten Verlagserinnerungen.

Zum Autor

Georg Hermann (d.i. Georg Hermann Borchardt) wurde 1871 in Berlin geboren. Der Urberliner hat dieser Stadt in zahlreichen Romanen ein Denkmal gesetzt. Bis 1933 war er ein erfolgreicher und bekannter Autor, dessen Roman Jettchen Gebert, um nur ein Beispiel zu nennen, Millionenauflagen erzielte. Schon 1914 war er entschiedener Kriegsgegner. Und 1933 emigrierte er nach Holland. Von dort deportiert ihn die Nazis 1943 nach Auschwitz und ermordeten ihn. Georg Hermanns Bücher sind von großer Sinnlichkeit, und das gilt auch für seine Briefe. Er war ein Kunstkenner und Kunstliebhaber und hasste alles Militärische.

Pressestimmen

"Die jetzt vorliegenden Briefe hat die Herausgeberin nicht nur mustergültig ediert, sondern im Zuge einer ‘kleinen Georg-Hermann-Renaissance’ in den achtziger Jahren überhaupt erst aufgestöbert. Die Situation des Emigranten in der Welt beleuchtet Georg Hermann aphoristisch auf folgende Weise: ‘Wenn man ihn das erste Mal sieht, gibt man ihm etwas und putzt damit sein mitleidiges Herz -- nach einem Monat geht man an ihm vorbei, und nach sechs Monaten sagt man: Da ist doch der Kerl immer noch. Bringt ihn von der Straße!’ Das gilt noch heute. Und ferner gilt vieles von dem, was er in dem vierzigseitigen, für seine Kinder bestimmten Weltabschied geschrieben hat, der im Nachlaß gefunden wurde und den Band bereichert." (Egon Schwarz, FAZ)

"Spontan formulieren viele dieser Briefe ein humanistisches Plädoyer, das der privaten Korrespondenz als Zeitdokument Bestand gibt. Sie vermitteln zudem einen neuen Zugang zu einem Autor, der als politischer Streiter bislang kaum bekannt, als literarischer Chronist jüdischen Lebens in Deutschland schon fast vergessen war." (Sibylle Bolik, Deutschlandfunk)

Textprobe

Was für eine Welt verläßt man! Eine Welt, die wie Chronos ihre eigenen Kinder frißt, die die Heere ständig auf Kosten jeder Lebensverbesserung vergrößert, die Länder verwüstet, Städte in den Grund schießt, Fabriken in Trümmer legt, die ins Blaue und Sinnlose hinein produziert, ohne eine Ahnung zu haben, wie das Produzierte verteilt werden soll und wie der Mensch dann an die Güter kommen soll, nach denen er schreit in seiner Notdurft und in seinem Hunger -- eine Welt, die allenthalben den Armen zusammenkartätscht, sowie er erträglichere Lebensbedingungen fordert, die einige wenige haben in überreichem Maße und als Grundlage ihrer Existenz ansehen. Eine Welt, in der sich die Regierungen gegen jede Verbesserung der Lebenslage und der Lebensführung ihrer Bürger sträuben, nur nicht gegen die Verbesserungen an Kanonen, Flugzeugen, Giftgasen, Unterseebooten und Fliegerstaffeln und anderer Instrumente der Lebens- und Kulturvernichtung. Eine Welt, in der die offizielle Lüge längst jede Wahrheit verdrängt hat und die alle Werte und alle Vernunft in das Gegenteil abwandelt, in der der Mensch für den Staat und nie der Staat für den Menschen da ist, nicht die Produktion für den Menschen, sondern der Mensch für die Produktion (...); die über Überbevölkerung jammert und Geburtenerhöhung fordert, nur um möglichst viel Schlachtvieh für die Zukunftskriege zu haben (...). Eine Welt, die sogar aus einem kürzlichen Mord an dreißig Millionen Männern aller Farben und Rassen das eine noch nicht gelernt hat, nachdem sie dadurch verarmt, verwüstet und zugrunde gerichtet wurde, daß Krieg ein ungangbarer Weg zur Verbesserung der Lebenslage des Menschen auf dieser Erde ist.